Zugegeben, wir haben keinen blassen Schimmer, was uns hier erwartet. Laut Aussagen einiger Leute, die wir zuvor getroffen haben, sollen wir wohl vorsichtig sein. Für uns ist Aserbaidschan „nur“ ein Durchreiseland, um dann weiter in den Iran zukommen. Wir haben kaum Vorkenntnisse und lassen uns einfach überraschen.

Am Grenzübergang empfangen uns die Zöllner jedenfalls mit freundlichem Gruß und einem Lächeln im Gesicht. Noch schnell eine kurze Stippvisite ins Gepäck und wir rollen ein. Was uns sofort auffällt, es ist viel sauberer als in der Türkei und in Georgien, hier scheint man mit der Natur etwas anders umzugehen. Kurz hinter dem Grenzübergang hupen auch schon die ersten Ladas, die Automarke schlechthin hier. Fast überall grüßt und verfolgt man uns mit interessierten Blicken. Es wird wieder viel Tee getrunken, meist gleich eine ganze Kanne serviert und auf dem Tisch steht immer eine Schale Bonbons, unseren Zuckerhaushalt freut´s. Wir radeln zunächst über Zaquatala nach Qax. Die Straße hin zu diesem Ort ist eine einzige Piste. Anfangs noch asphaltiert, wurde sie von Kilometer zu Kilometer immer steiniger und löchriger. Für uns die bis dato schlechteste Straße dieser Tour. Das Ganze dann noch leicht bergauf und mit etlichen Kilometern im Nacken. Zum Glück entschädigt der Blick auf die schneebedeckte Berglandschaft und an deren Rändern mit leuchtend grünen Wiesen. Es hat hier so viele Grüntöne, wie wir sie selbst noch nie gesehen haben. Auf den Straßen haben die Kühe und Schafe noch ihre Freiheit und lassen sich von unseren Rädern kaum beirren, da muss schonmal nen Schlenker hinhalten.

In Seki nehmen wir uns eine alte Karawanserei unter die Lupe und düsen mit Rückenwind und langen Abfahrten Richtung Quabala. Auf dieser Strecke zeigt sich der Kaukasus in seiner vollen Schönheit. Drei Tage lang fahren wir parallel an dieser riesigen Gebirgskette entlang. An den Straßenrändern verkaufen die Einheimischen ihre Naturprodukte wie Sirup, Granatäpfel und so eine Art Frisbeescheibe aus Fruchtgelee. Wir kaufen zwei dieser Scheiben in der Hoffnung etwas lecker Süßes entdeckt zuhaben – alles was Zucker hat probieren wir natürlich aus – doch das war ein Griff ins Klo. Beim Draufrumkauen zieht sich unsere Gesichtshaut zusammen. Wir überlegen, was man damit wohl anfängt, lösen die Dinger in heißem Wasser auf, aber auch das geht voll in die Hose.

Weiter geht es durch schöne Wälder, deren Bäume mit Moos und die Böden mit Blumen bewachsen sind. Es duftet nach Frühling, es wird endlich wärmer und unser Wasserverbrauch steigt weiter an. Was die Verständigung angeht, wird es in den ländlichen Regionen immer schwieriger. Keiner spricht hier Englisch und unsere Russischkenntnisse sind leider 20 Jahre her. Außer ein – Spasiba, Chleb oder Moloko – ist nix mehr in der Rübe geblieben. Um so komplizierter gestaltet sich nun auch die Verständigung z.B. beim Bestellen der Speisen im Restaurant. Die Menükarten sind nur in einheimischer Sprache geschrieben und wir erklären mit Händen und Füßen was wir möchten. Egal, das Grillzeug landet trotzdem auf dem Tisch und es ist saulecker. Ab Ismailli wird es mal wieder etwas anstrengender, wir schrauben uns zum Teil mit 12% Steigung die Berge hinauf, die Mittagssonne brennt bereits und bringt unsere Ohren ordentlich zum glühen. Ist ein Berg geschafft, geht es rasend schnell hinunter ins Tal, schließlich müssen die Flüsse überquert werden und dann beginnt das Spiel von neuem. Dementsprechend futtern wir ne Menge Kekse, Kuchen, Schoki und Bananen. Die Landschaft ändert sich so langsam und es hat immer mehr sanfte und weite Hügelketten, die uns zum Teil an die Mongolei erinnern.

Wir radeln In Baku ein – genannt auch Stadt der Winde – und erreichen mit -28m den tiefsten Punkt unserer Reise. Das mit dem Wind kann man hier wohl auch wortwörtlich nehmen, es zottelt ordentlich um die Häuser und wir reiben uns die Hände, weil wir nun etwas Pause haben. Hier besorgen wir unsere Visa für die Weiterreise, warten sehnsüchtig auf den neuen Kocher und den anderen Kram aus der Heimat. Wir steigen in der billigsten Unterkunft ab, die wir finden konnten und landen in einer Platte aus Sowjetzeiten. In der Wohnküche rattert die Glotze 24h am Stück und die Gäste sind hier Dauergäste. Unser Kleiderständer hat statt vier nur noch drei Beine, das Waschbecken steht auf halb neun und Warmwasser = Null, Katzenwäsche ist also vorprogrammiert. Der anspruchslose Gast wir hier definitiv fündig.

Wir decken uns erstmal mit´ner Flasche Wodka ein – der ist hier spottbillig – und genießen unsere freien Tage. Die Metropole hat sich echt herausgeputzt. 2015 waren hier die ersten Europäischen Spiele und vieles erscheint in neuen Glanz. Frischsanierter Zuckerbäckerbau aus Stalins Zeiten wechselt sich mit Zukunftsarchitektur ab.

Es hat hier viele Parks, die toll angelegt sind, alles ist sauber und gepflegt, die Strandpromenade lädt zum Flanieren ein. Ein Kaffee mit Blick auf´s Meer kostet hier soviel, wie alle U-Bahnfahrten für uns beide zusammen, umgerechnet ca. 3,00 Euro, öffentliche Verkehrsmittel sind hier also super günstig. Für unsere Erledigungen ideal, denn die Behördengänge schleifen uns zwei Tage lang mehrmals quer durch die Stadt.
Unser Pass hat dafür einen neuen Sticker und von nun an kann auch wieder unter freiem Himmel gekocht werden, denn die Pakete aus der Heimat sind  eingetroffen. Die Ausrüstung ist wieder vollständig und das Beste ist, wir sind jetzt Besitzer einer Alarmanlage. Mit breitem Grinsen und großer Vorfreude auf die erste Nacht im Freien verlassen wir Baku.

Es geht weiter Richtung Süden. Hier hat es viele Ölfelder und Raffinerien, es wird zunehmend trockener, trostloser und für uns eher langweilig. Hier machen wir ordentlich Strecke, denn unser Iranvisum läuft bereits. Unsere erste Zeltnacht seit langem verbringen wir am Kaspischen Meer, die Alarmanlage wird getestet und siehe da, sie schlägt tatsächlich an. Dieses mal war es aber nur ein herrenloser Hund auf der Suche nach irgendwas.

Zum Ende hin ändert sich dann noch mal das Landschaftsbild. Es gibt viele Weiden, Schafherden und eine Menge fruchtbarer Felder. Nach genau einem Monat verlassen wir nun den Kaukasus und sind gespannt, was uns im nächsten Land erwartet. Zum Schluss nun noch ein ganz dickes Dankeschön an Veit, Jana, Sven, Philip, Maria + Familie, Kammi und Scharfi für die rasche Hilfe und Unterstützung!!!