Kategorie: Australien

II Vom Red Centre an die Timorsee

Die Fliegen halten sich natürlich nicht an Grenzverläufe und gehen uns weiterhin ordentlich auf die Nerven. Sie krabbeln mit Vorliebe in die Ohren, in die Nasenlöcher und hinter die Brille und das hundertfache Summen bringt uns gehörig auf die Palme. Die stoische Ruhe der Aussies haben wir bei weitem nicht. Das Verscheuchen der Fliegen wird auch als „australische Begrüßung“ bezeichnet. Die Moskitonetze sind eine Belastung, doch ohne geht´s gar nicht. Nach fünf langen Radeltagen brauchen wir eine Pause, und ein Campingplatz in Erldunda bietet sich dazu an. Hier können wir ausgiebig duschen, ein bisschen Handwäsche betreiben und die Beine hochlegen. Erldunda liegt an der Kreuzung zum Uluru Nationalpark (ehemals Ayers Rock). Plan A sah vor, diesen zu besichtigen, doch Zeit und Lust lassen uns davon abrücken. Es wären mehr als fünfhundert Kilometer Umweg, hin und zurück, dazu noch Eintritt für den Nationalpark und auf völlig überteuerten Campingplätzen schlafen, das lassen wir dann doch lieber bleiben. Schade zwar, aber alles können wir uns leider auch nicht anschauen. Die nächsten zwei Tage quälen wir uns noch bis nach Alice Springs, in die Mitte des roten Kontinents. Es wird wieder grüner, die Bäume und Büsche werden größer und wir rollen durch traumhafte Täler, die die Sonne zum Leuchten bringt. Sogar Blumen gibt es wieder zu sehen. Einige Pflanzen haben dicke Dornen (eine Art Klette), die sich in Silvios nagelneue, „unkapputbaren“ Continentalreifen bohren und so für Verdruss sorgen. Taugen nichts und zudem noch sauteuer!

Leider steigen die Temperaturen wieder an und der Gegenwind nimmt zu. Wir brauchen dringend ein paar Tage Erholung, denn die Beine werden immer schwerer und wir sind ganz schön müde. In Alice Springs leben Christa und Hans Geerd, zwei deutsche Auswanderer, die uns für einige Zeit bei sich aufnehmen. Ihr Haus liegt an den Ausläufern der West- MacDonnell Ranges, am Rande der Stadt, mit einem malerischen Ausblick auf die Hügelkette. Wir werden umsorgt und bekocht wie schon lange nicht mehr. Sie zeigen uns sehenswerte Plätze in der Umgebung, die historische Telegraphenstation und eine Schlucht, wo wir die seltenen kleinen Gelbfuß- Kängurus entdecken. Alice Springs, von wo aus viele ihre Touren ins Outback starten, ist nicht nur ein Touristenmagnet, sondern auch ein wichtiger Knotenpunkt für die Versorgung der umliegenden Gemeinden. Güterzüge und Road Trains, die in den letzten Tagen vermehrt an uns vorbeiziehen, bringen alles Lebensnotwendige in die Stadt. Die Aborigines nutzen den Ort um ihr Einkommen etwas aufzubessern und verkaufen Bilder mit traditionellen Motiven. Jedes zweite Geschäft verkauft Aboriginal Kunsthandwerk und jeder dritte Laden ist ein Supermarkt. Wir schlendern durch die Fußgängerzone, schauen uns die viel zu teuren Galerien an und essen die ersten Bratwürste in Australien.

Nach zwei Tagen absolutem Nichtstun verabschieden wir uns vorerst von Christa und Hans und machen einen Abstecher zum nahegelegenen Ellery Creek Waterhole, 90 Kilometer westlich von Alice Springs, inmitten der MacDonell Ranges. Bis dorthin ist es eine Fahrt durch die Erdgeschichte. In den rostroten Felsen liegt Schicht über Schicht, von Regen und Wind in Jahrmillionen abgeschliffen und von der Sonne gebacken. Wahrscheinlich ein Traum für viele Geologen, wir sind jedenfalls fasziniert. In Ellery Creek gibt es eiskaltes Wasser zum Baden, es ist leicht trüb, aber ausreichend für ein ausgiebiges Badevergnügen. Um das Wasserloch türmen sich roten Felsen rund 40m in die Höhe. Bäume und Vögel machen das Ganze zu einer Wohlfühl- Oase in der Wüste. Wir legen die Füße hoch, gehen schwimmen und ignorieren die Fliegen. Nach zwei Nächten und etwas Entspannung kehren wir zurück nach Alice Springs, wo uns Christa und Hans erneut für eine Nacht bei sich aufnehmen. Von hier aus gehen wir die andere Hälfte des Kontinents an. Wir füllen die Vorräte im Coles Supermarkt auf, die Fahrräder biegen sich fast unter der Last, und starten in Richtung Tennant Creek, rund 530 Kilometer weiter nördlich.

Die Straße verläuft nach kurzer Zeit kilometerlang schnurgeradeaus, ohne Steigungen und der Verkehr nimmt dabei ordentlich zu. Viele Road Trains (bis zu 53,50m lang und bis zu vier Anhängern im Schlepptau) kommen uns entgegen oder überholen uns, ebenso viele Camper sind unterwegs. Beim Überholmanöver dieser riesigen Brummis wird ein enormer Wind erzeugt, der uns entweder vom feinsten antreibt oder so kräftig entgegenbläst, dass er uns fast von der Straße fegt. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt und können ganz gut darauf reagieren. Tagelang begleiten uns unzählige Termitenhügel, die den Straßenrand und die dahinterliegenden Landschaften säumen. Es müssen hunderttausende sein, einige sind nur wenige Zentimeter und andere bis zu zwei drei Meter hoch. Sie sind aus roten oder braunen Sand erbaut, die im Licht der Morgen-oder Abendsonne in den verschiedensten Farbtönen leuchten. Die Termiten bekommen wir leider nur selten zu Gesicht. Einige Spaßvögel haben die Hügel mit T-Shirts, Warnweste und Helm oder sogar als Osterhasen geschmückt. Nach und nach wird es wieder etwas grüner und von weitem sehen wir einige Gebirgszüge, die uns etwas an den Grand Canyon erinnern, wenn auch nicht so hoch. Unsere Tagesetappen planen wir oft so, dass wir kurz vorm Ende ein Roadhouse erreichen, um uns dort mit Frischwasser zu versorgen. Wasser zu kaufen ist auf Dauer zu teuer. Wir trinken mittlerweile weniger (es ist nicht mehr ganz so heiß) als noch auf dem Ooudnadatta Track. So kommen wir mit unseren zwei 10L Wasserbeuteln eine ganze Weile hin. Zum Kochen und Duschen nutzen wir oft salziges Bohrwasser und für das Duschvergnügen genügt uns eine 1,25 L Wasserflasche mit Verschlussdeckel in den wir einige Löcher gebohrt haben.

Dominics vorderer Seitenständer hat seinen Dienst quittiert und ist abgebrochen. Die Räder sind einfach zu schwer beladen. Bei einem Stopp an der Tanke hilft der Besitzer eines Shops mir einer Bohrmaschine weiter und das Problem ist vorerst gelöst. Ein anderes „Problem“, die Fliegen, löst sich nicht so einfach. Je weiter wir nach Norden fahren, um so heftiger wird es. Wir stehen mittlerweile so zeitig auf (halb sechs und stockfinster), um wenigstens in Ruhe unser Frühstück genießen und die Zelte abbauen zu können. Danach begleitet uns das Summen und Krabbeln ganze zwölf Stunden lang bis zum Sonnenuntergang, der absolute Horror. Nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwindet herrscht dann allerdings eine unglaubliche Stille und ein grandioser Sternenhimmel erstreckt sich über unseren Köpfen. Weit und breit kein Mensch und keine Stadt, die die Einsamkeit trübt. Außer dass die wie Weihnachstbäume leuchtenden Road Trains schon von weitem mit ihren lautstarken Motoren und ihren bunten Lichtern auf sich aufmerksam machen. Je nach Möglichkeit, machen wir ein kleines Lagerfeuer, Holz ist zur Genüge da und es ist so trocken, dass bereits ein kleiner Funke genügt. Ein Traum für jeden Camper. Wegen der vielen Ameisen und den nichtvorhandenen Menschen, bleiben die Räder inkl. geschlossener Taschen oft einfach draußen stehen.

Auf einem Campingplatz lernen wir den Schweizer Radfahrer Mathias kennen. Er fährt von Darwin nach Adelaide, also fast die gleiche Route wie wir, nur entgegengesetzt. Bei einer Flasche günstigen Portwein tauschen wir nützliche Informationen aus, Beispielsweise wo es Wasser oder Versorgungsmöglichkeiten gibt. Von einem Australier, der sich zu uns gesellt, gibt es noch ein paar Bierchen obendrauf, ein runder und gelungener Abend. Überaus freundliche und sehr aufmerksame Menschen, diese Australier. Überhaupt hat hier scheinbar jeder Aussie ein Wohnmobil. Schwere Allradgeländewagen ziehen oft große Luxuswohnwagen hinter sich her. Sie könnten überall halten und übernachten, wenn sie wollten, ziehen jedoch oft Zeltplätze für sich vor. Einige haben Haus und Hof verkauft, sich einen Camper zugelegt und entdecken nun ihr riesiges Land. Tags darauf fahren wir zu den Devils Marbles (des Teufels Kugeln), ein passender Name. In einem flachen Talkessel liegen unglaubliche Gesteinsformationen, die den Aboriginals früher als Kultstätte gedient hat. Runde rot leuchtende Felsblöcke, einige groß wie Einfamilienhäuser, liegen über- und in ineinander verkeilt in der Landschaft herum. Sie ist kaum in Worte zu fassen und wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Das Areal ist so groß, dass wir uns nur einen Teil davon anschauen, außerdem ist der Parkplatz so dermaßen überfüllt mit Wohnmobilen, dass wir beschließen weiterzufahren.

Irgendwann erreichen wir die ehemalige Goldgräberstadt Tennant Creek. Der Ort hat für uns aber nicht sonderlich viel zu bieten, also steuern wir direkt den IGA Supermarkt an. Hier heißt es für uns eindecken, denn der nächste Supermarkt liegt im 700 Km entfernten Katherine. Unser Einkaufszettel ist schnell abgearbeitet (in Sachen Großeinkauf sind wir mittlerweile geübt), doch wie so oft landet wieder mehr im Korb als gewollt. Wir kaufen Nudeln, verschiedene Dosensuppen, Kekse, Cola, Kuchen, Reis (leider ein Reinfall), Haferflocken, reichlich Obst und Süßkram für die Nerven. Abermals biegen sich die Räder fast durch, dazu noch 10L Wasser, jeder versteht sich und wir verlassen schwer bepackt das Örtchen. Dank Rückenwind schrubben wir ordentlich Kilometer, doch wir müssen uns etwas Zeit lassen, denn die Rückflüge sind bereits gebucht und wir haben somit noch reichlich Zeit. So schauen wir auf der Karte nach Campingplätzen die auf unserem Weg liegen, um dort etwas zu pausieren. Zehn Kilometer vor diesen Plätzen campen wir nochmals in der Natur und erst am frühen Morgen steuern wir die diese an. Wir bleiben bis zum anderen Nachmittag, um nur für eine Nacht zu bezahlen und den Platz dennoch zwei Tage lang nutzen zu können. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Die meisten der Plätze haben einen Pool und nach einigen Tagen Buschcamping tut eine heiße Dusche richtig gut.

Seit Alice Springs hat sich die Landschaft wieder etwas verändert, mehr Grün, blühende Bäume, hohes gelbes Gras und sogar leuchtende Blumen. Ebenso die Tierwelt. Große Adler, auf der Suche nach Beute, kreisen in der Luft herum. Schwarze Rabenkakadus mit rot leuchtenden Schwanzfedern schwirren über unseren Köpfen hinweg und machen lautstark auf sich aufmerksam. Die Kängurus aber werden immer seltener und es hat mehr und mehr Rinder. Es gibt kaum noch freie Flächen zum Campen, daher gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Platz zunehmend schwieriger. Eine Nacht schlafen wir neben einer Outbacklandebahn, nachts ist diese sogar beleuchtet und mit den vielen Sternen im Hintergrund ein fantastischer Anblick. Der Sonnenaufgang ist dank der weiten Ebene grandios. Diese scheinbar endlose Weite, wir „erfahren“ es jeden Tag, lässt uns nur erahnen, wie riesig dieser Kontinent ist. Die Entfernungsangaben an den Straßenschildern sind drei- und vierstellig und nehmen nur langsam ab. Auf einem Schild steht: Kein Benzin auf den nächsten 500 Kilometern. Manchmal fragen wir uns, auf was wir uns da wieder eingelassen haben. Aber die Tage bis zum Abflug rasseln so dahin und wir kommen dem Ziel, Darwin, jeden Tag ein Stück näher. Und dann, mit einem Mal, als ob jemand den Schalter umgelegt hat: keine Fliegen mehr! Keine einzige! Wir sitzen zum Sonnenaufgang vor unseren Zelten und hören nichts. Das Summen und Krabbeln hat endlich ein Ende. Juhu! Es ist wie ein Aufatmen. Die Moskitonetze verstauen wir vorerst, aber wir trauen dem Frieden noch nicht so richtig.

Wir erreichen Mataranka mit seinen Bitter Springs, von Fliegen ist weit und breit nichts mehr zu sehen, dafür müssen wir uns wegen der zahlreichen Moskitos abends nun kräftig einsprühen. Durch ein Wäldchen fließt ein kleiner, glasklarer Fluss mit angenehmen 33 Grad Wassertemperatur. In der leichten Strömung lassen wir uns hundert Meter treiben und genießen den Anblick der prächtigen Pflanzenwelt um uns herum. Wir bekommen abendlichen Besuch von einem kleinen Känguru, dass es auf unsere Spaghetti abgesehen hat. Ein niedliches Tier, es lässt sich sogar streicheln, verschwindet aber schnell wieder im Busch. Wir fahren weiter nach Katherine und haben nach langer Zeit mal wieder einen Gastgeber. Robert, seine Frau und der kleine James. Wir schlafen im Garten unter einem riesigen Mangobaum und können das Haus samt Küche nutzen. Robert empfiehlt uns die Hot Springs, nur einige Kilometer weit weg, die wir natürlich ansteuern und unsere Körper unter der glühenden Sonne etwas abkühlen. Rob hilft uns außerdem auch bei den Problemen, die wir mit unseren Luftmatratzen haben. Silvio’s Matte gibt nun auch langsam ihren Geist auf und die Luftkammern platzen nach und nach. So kontaktieren wir gemeinsam den Hersteller (Rob kann gut Deutsch und ist unser Dolmetscher) und hoffen schnellstmöglich auf zwei neue Ersatzmatten. Wir nutzen außerdem die Zeit zum Entspannen, erkunden den Ort und erledigen einige Besorgungen für die letzte Etappe bis Darwin.

Nach unserem Abschied fahren wir zu den nahegelegenen Edith- Falls. Ein See umgeben von roten Felsformationen, grünen Palmen und einem Wasserfall, lädt uns zum Verweilen und Baden ein. In den Gewässern nördlich von Katherine soll es wohl die weniger gefährlichen Süßwasserkrokodile und die gefährlichen Salzwasserkrokodile geben. Man warnt uns davor in einigen Gewässern zu baden und auch das Campen an diesen Orten sollte man vermeiden, zu gefährlich. Wir halten uns daran, denn wir haben keine Lust als Hauptspeise zu enden. Zum Ende unserer Australienreise steht der Litchfield Nationalpark auf dem Programm. Unsere Erwartungen sind hoch, wir haben von anderen gehört, er sei der schönste Park in Nordaustralien. Wir werden zunächst auch nicht enttäuscht. Magnetische Termitenhügel und Yuccapalmen, so weit das Auge reicht, geben einige schöne Motive ab. Die Florence Falls, ein Steinbruch umgeben von üppiger Pflanzenwelt, herumfliegenden Kakadus und zwei herabstürzenden Wasserfällen, bieten einen großartigen Anblick inklusive Planschvergnügen. Sie sind allerdings völlig überlaufen und auch der nahegelegene Zeltplatz gibt nicht viel her, also radeln wir einige Kilometer zurück zum Buley Rockhole. Hier haben wir mehr Glück, sind fast allein und finden ein kleines freies Plätzchen für die Zelte. Aus einer kleinen Quelle entspringt ein Bach, der in verschieden große ausgewaschene Felslöcher fließt. Ähnlich wie kleine Pools reihen sich diese aneinander und man kann von einem zum nächsten hüpfen.

Weitere Badestellen im Park sind wegen Krokodilen, zu niedrigem Wasserstand, den allgegenwärtigen Buschbränden oder weswegen auch immer, leider gesperrt. Baden verboten, schade! Also verlassen wir den Park in Richtung Cox Halbinsel, von Darwin westlich gesehen. Ein letztes Mal geht es für uns zum Teil auf staubiger Piste und an Buschbränden vorbei, bis wir die Timorsee-Strände erreicht haben. Das Meer leuchtet in allen Blautönen und lädt schon von weitem zum Baden ein. Doch auch hier bekommen wir keinen Fuß ins Wasser, denn Hinweisschilder warnen vor Krokodilen, giftigen Quallen, Steinfischen und weiteren Gefahren. Zum Campieren gibt leider keine schönen Möglichkeiten. Etwas ratlos schreiben wir kurzerhand unsere Gastgeberin Fleur in Darwin an, ob wir schon etwas früher als geplant bei ihr aufkreuzen können. Und wir haben Glück. Für die letzten Kilometer nehmen wir die Fähre und bekommen einen angenehmen ersten Eindruck auf die nördlichste Stadt in Australien. Fleur empfängt uns ganz herzlich, ein englischer Radfahrer ist bereits zu Gast und so tauschen wir uns beim Barbecue aus und lachen viel. Er ist seit 21 Jahren! mit dem Rad unterwegs und gibt einige seiner Geschichten zu besten. Hier fühlen wir uns sofort pudelwohl. Die Stadt hat einiges zu bieten, von perfekten Radwegen, über ein Wellenbad bis hin zu Museen, eine tolle kleine Stadt.

Und so nimmt unser Trip durchs australische Outback hier so langsam sein Ende. Chillen ist angesagt, die Fahrräder werden verpackt und ein Pickup ist bereits organisiert. Bevor uns der Flug zurück nach Europa bringt, sitzen mit Fleur und unserem Fahrer Jaime am Strand, trinken ein kühles wohlverdientes Bierchen und bestaunen den letzten Sonnenuntergang auf Ozeanien. Es war eine unbeschreiblich schöne Zeit hier mit ebenso gastfreundlichen Australiern, die wir wir nie vergessen werden. Danke an alle die uns aufgenommen, unterstützt und weitergeholfen haben, ihr seid großartig!

 

 

 

 

Australien – Tastes of the Outback

Nach unserer kleinen „Urlaubsrunde“ auf Bali, wird es wieder Zeit für ein richtiges Abenteuer. Wir wollen endlich wieder wild Campen, nicht wissen wo wir morgen schlafen werden und abgelegene Pisten fahren. Lange haben wir hin und her überlegt, wohin es für uns noch so gehen könnte. Taiwan, Südkorea oder auch Japan waren beispielsweise ein paar Gedanken dazu. Doch Australien hatten wir von Beginn an im Kopf, es liegt Bali am nächsten, lockt mit dem Outback und anderen Möglichkeiten, genau das zu erleben. Als Startpunkt haben wir uns für die im Süden gelegene Stadt Adelaide entschieden. Dort verbringen wir die ersten Nächte bei den Warmshowers Cheryl und John, einem pensionierten Ehepaar, die sich ganz rührend um uns kümmern und nach Strich und Faden verwöhnen.

Beide waren Lehrer, haben in einigen Ländern dieser Erde gelebt, gearbeitet und sind selber viel herumgereist. Cheryl verwöhnt unseren Gaumen mit internationalen Speisen (purer Luxus), während John uns für die kommenden Wochen mit nützlichen und wertvollen Tipps füttert. Einen freien Tag nutzen wir und fahren einen 40 km langen Bike Path durch und um Adelaide herum, der uns vorerst ein letztes Mal an den Strand führt. Die Radwege lenken uns durch schöne grüne Parks, sie sind oft besser als die Straßen bei uns Zuhause, zweispurig versteht sich, und wir gelangen ganz entspannt in jeden Winkel dieser Stadt. Bevor unsere Reise durch den roten Kontinent so richtig losgeht, organisieren wir mit John noch ein paar wichtige Ersatzteile und durchforsten unseren ersten australischen Supermarkt. Die Preise lassen uns ganz schön schlucken, aber wir wussten bereits im Vorfeld, dass Australien kein Billigreiseland ist. Wenn man die Angebote aber etwas vergleicht, bekommt man auch Produkte, die ähnlich teuer sind wie bei uns. Mit vollen Taschen verlassen wir Adelaide und fahren in die Weinberge nordöstlich der Stadt.

Heftiger Seitenwind führt uns über seichte Hügellandschaften nach Barossa und wenig später auf den Riesling Trail durch Clare Valley, eine der ältesten Weinregionen Australiens. Hier machen wir Bekanntschaft mit Kerstin und Louise. Beide leben in ihrem kleinen Eco Haus inmitten der Weinberge und für eine Nacht dürfen wir ihre Gäste sein. Wir plaudern über die Erlebnisse auf Radreisen, essen lecker Pasta, trinken Rotwein und nach einer erholsamen Nacht zeigt uns Kerstin am nächsten Morgen ein kleines privates Weingut ganz in der Nähe, wo sie selber arbeitet. Wir erhalten Einblick in die Methoden der Weinherstellung und in die Geschichte des kleinen Unternehmens und zum Abschied noch eine Flasche hauseigenen Rotwein und Moskitonetze für den Kopf, die wir wenig später wohl noch brauchen werden. Mit diesen Geschenken starten wir gut gelaunt in den Tag und lassen die Weinberge so langsam hinter uns.

Wir fahren auf noch guten Straßen an vielen abgedroschenen Weizenfeldern vorbei, auf denen sich große Schafherden tummeln. Grau-rote Papageie begleiten uns immer wieder mit ihren Gesängen, die manchmal in Schwärmen über unsere Köpfe fliegen. Ab und an geht es durch kleine im Dornröschenschlaf liegende Ortschaften und die Entfernungen dabei werden immer größer. Zum Vergleich: in Australien leben rund 24 Millionen Menschen auf einer Fläche, die 21 Mal größer ist als Deutschland. In den kleinen Gemeinden leben nur wenige Menschen, außer einem Café, einer Tankstelle oder einem General Store gibt es oft nix weiter. Für uns aber ausreichend, um unsere Wasser- und Essenvorräte für mehrere Tage etwas aufzustocken. Auch wenn der Herbst gerade Einzug hält, hat es täglich Temperaturen um die 30°C rum (gefühlt aber höher) und unser Wasserverbrauch ist enorm hoch. Für zwei Tage ohne Ortschaft und Zugang zu frischem Trinkwasser, brauchen wir zurzeit 10 bis 12 Liter pro Mann. Hinzu kommt einiges an Essen, welches wir in größeren Mengen (wenn möglich) in einem Supermarkt einkaufen, denn die General Stores haben weniger Auswahl und sind um einiges teurer. Mit diesen Dingen sind wir unabhängig und können mehrere Tage in der freien Natur Campen.

Doch an einem Abend schlagen wir unser Quartier auf einem Caravan Platz in einer Ortschaft auf. Dieser kostet nix und wir haben Zugang zu frischem Trinkwasser. Wir bauen also nichts ahnend auf einer moosähnlich und gut gepflegten grünen Wiese unsere Zelte auf. Mitten in der Nacht nimmt plötzlich die automatische Sprinkleranlage ihren Betrieb auf und reißt uns aus dem Schlaf. Die Zelte stehen dummerweise direkt vor den Düsen und wir, mit Schlüppi, äußerst planlos da. Nach Hin-und-her-Überlegen beschließen wir, dass einer die Düsen festhält und der andere währenddessen die Heringe aus dem Boden zieht. Dann hieven wir im Affentempo die Zelte samt Inhalt über den Zaun. Wir sind völlig aus dem Häuschen und können dennoch wenig später über diese recht komische Situation lachen. Am nächsten Tag sind wir ein letztes Mal eingeladen, bevor wir so richtig ins Outback starten. Heather und Simon leben in ihrer kleinen Wohlfühloase etwas abseits einer Siedlung. Beide sind leidenschaftliche Radfahrer und so kommen wir schnell ins Gespräch und tauschen uns über die Erlebnisse auf Radreisen aus. Heather gibt uns außerdem noch ein paar Infos für die kommende Etappe, die uns wieder etwas in die Berge führt. Unnötigen Ballast lassen wir bei ihnen, um diesen in ein paar Wochen per Post an unseren geplanten Zielort zu schicken. So haben wir weniger Gepäck dabei und etwas mehr Platz für Proviant in den abgelegenen Regionen. Von Beginn an erleben wir die Australier als äußerst aufgeschlossen, gastfreundlich und hilfsbereit. Immer wieder hält ein Auto an und fragt, ob wir Wasser oder Hilfe brauchen.

Dann nehmen wir Kurs auf die Flinders Ranges, dem höchsten und größten Gebirgszug in Südaustralien. Anfangs geht es noch auf flacher Strecke und asphaltierter Straße durch steppenähnliche Landschaften die uns etwas an Kasachstan erinnern. Wir sehen die ersten Wildtiere wie Ziegen, Kängurus oder auch Emus die im Schatten der Sträucher Schutz vor der glühend heißen Sonne suchen. Auch der Geruch von toten Tieren weht uns schon von weitem ins Gesicht. Die Anzahl der Fliegen nimmt dementsprechend zu, sodass der von Kerstin geschenkte Moskitokopfschutz nun zum Einsatz kommt. Die Fliegenplage ist enorm, während der Fahrt und in jeder Pause versuchen sie uns in die Ohren und Nase zu kriechen. Wir sind froh diesen Schutz zu haben, sonst wäre es unerträglich. Die Australier nennen das übrigens „TASTES OF THE OUTBACK“ :). Sobald die Sonne dann untergeht und wir unser Zelt aufgeschlagen haben, sind die nervigen Dinger plötzlich verschwunden und wir können das Campen im Outback so richtig genießen. Abends sitzen wir am Lagerfeuer und bewundern den riesigen Sternenhimmel der sich über unseren Köpfen breitmacht. Morgens werden wir mit einem Vogelkonzert von Papageien, Elstern oder Raben geweckt. Das Gezwitscher ist einzigartig und kaum mit dem aus unserer Heimat zu vergleichen.

Bei angenehmen Steigungen kurbeln wir immer höher die Berge hinauf. Die Landschaften wirken urzeitlich auf uns. Die schroffen Gebirgskämme, leuchten bei Sonnen Auf- und Untergang in den verschiedensten Rot- und Brauntönen. Auch die Botanik ändert sich immer wieder. Mal sind es Nadelbäume, Eukalyptusbäume oder große und kleine Trockenbüsche. Irgendwann verlassen wir die asphaltierten Straßen und fahren fast nur noch Offroad Pisten durch Steinwüsten die bis zum Horizont reichen. Zwischendrin zeigt sich eine Hügelkette nach der anderen. Die Anstrengungen sind enorm, vor allem in den Trockenflussbetten geht es immer wieder in einer Senke durch groben Steinschotter hoch und runter. Nicht nur wir, sondern auch die schwer bepackten Räder sind extremen Anforderungen ausgesetzt. Die Orte für ausgedehnte Pausen liegen so weit auseinander, dass wir mehrere Tage am Stück durchfahren müssen.

Nach und nach gibt auch das Material seinen Geist auf und das Wort „langzeittauglich“ verliert seine Bedeutung. Ein Zeltreisverschluss geht weder zu noch auf, ist völlig im Eimer und muss provisorisch genäht werden. Gerade hier in Australien bei unzählig giftigen Tieren ein No-Go. Eine Isomatte verliert ständig Luft und muss in der Nacht mehrmals nachgepumpt werden. In Iga Warta, ein in die Jahre gekommenes Aboriginal Camp, finden wir einen Ort der Ruhe und tanken neue Kraft. Hier versuchen wir die kaputte Matte in einem Pool zu reparieren, was uns auch ganz gut gelingt. Doch kurze Zeit später platzt durch die Hitze der Sonne eine Luftkammer nach der anderen und die Matte plustert sich wie eine Wurst auf – na super. Mitten im Outback, mit dem Wissen, der nächste Laden ist mehrere hundert Kilometer weit weg, ein Schock der tief sitzt. Doch der Camp Besitzer ist sehr bemüht und organisiert uns innerhalb eines Tages eine neue, wenn auch einfache, Matte. Unsere Freude darüber ist ungemein groß.

Voller Elan geht es weiter und wir folgen den Spuren der alten stillgelegten Ghan-Eisenbahnlinie die den Süden mit dem Norden des Landes verband. Entlang dieser Strecke führt der Oodnadatta Track, eine 615 km lange Outbackpiste auf der lediglich zwei winzige Ortschaften liegen, wo wir Wasser auftanken können. So decken wir uns mit jeweils 13 Liter Trink- und Kochwasser ein, in der Hoffnung damit rund 200 km bis zum nächsten Ort zu überbrücken. Unsere Tagesetappen liegen nun bei rund 100 km und es sind die härtesten überhaupt. Nicht nur die staubigen Sand-, Waschbrett- und Schotterpisten, sondern auch heißer Wind und Temperaturen um die 40°C im Schatten machen diesen Streckenabschnitt zu einer wahren Strapaze für uns. Hinzu kommen Millionen von Fliegen, die jede Pause unter einem schattigen Busch zur Qual werden lässt. Zudem treibt die trockene Luft unseren Durst enorm in die Höhe. So trinken wir statt 3 Liter nun rund 7 Liter pro Kopf und Tag und die abgeschätzte Menge reicht nicht ansatzweise aus. Es sind immer kleine Schlückchen die lediglich zum Lippenbefeuchten dienen, um bis zum nächsten Ziel auszukommen.

Doch hin und wieder begleitet uns das Glück und es hält ein Fahrzeug an, um uns mit etwas Wasser zu versorgen. So bekommen wir in der prallen Mittagshitze ganz spontan eine Flasche Wasser inklusive Eisblock geschenkt. Das sind Momente, die den Frust und die Sorge ob wir das alles schaffen, etwas mindern und uns weiter motivieren. So kämpfen wir uns Kilometer um Kilometer an Salzseen wie dem Lake Eyre vorbei, durch endlos lange Stein- und Sandwüsten weiter und weiter, bis wir irgendwann Williams Creek erreichen. Einzig ein kleines Hotel mit anliegendem Campingplatz bildet die Ortschaft. Völlig ausgepowert und mit Knochen, schwer sind wie Blei, schlagen wir unter schattenspendenden Bäumen unsere Zelte auf und genießen den Luxus einer heißen Dusche, sowie einer eiskalten Cola für schlappe 4,50 $ für 0,33 l mitten im Nix. Kopfkino macht sich breit, ob und wie wir die nächsten 200 km schaffen. Trinkwasser gibt es hier nur für viel Geld an der Hotelbar zu kaufen und das heiße windige Wetter soll sich in den nächsten Tagen auch fortsetzen. So beschließen wir kurzer Hand uns mitnehmen zu lassen und statt diesem Track eine andere Strecke zu fahren. Wir finden ein hilfsbereites Pärchen, welches noch Platz für zwei eingestaubte Räder und ausgelaugte Radfahrer hat und sind überglücklich diese Gelegenheit  zu bekommen.

So fahren wir statt mit dem Rad, seit langer Zeit mal wieder mit dem Auto und erreichen drei Stunden später Coober Pedy, dem Opal Eldorado am Stuart Highway. 1916 ist hier ein Boom um den bunt schimmernden Juwel ausgebrochen, die Menschen haben sich angelockt gefühlt und besiedelten so das Gebiet nach und nach. Heute leben hier rund 1500 Menschen, umgeben von bunten Abraumhalden soweit das Auge reicht. Sie leben hauptsächlich vom Tourismus und dem Opalverkauf, der eine lohnende Einnahmequelle zu sein scheint. Die Stadt und Umgebung diente Filmen wie „Mad Max“ als Kulisse. Auf uns wirkt sie wie ein großes Open Air Museum und eine Art-Galerie, die mit Fahrzeugen und zusammengeschweißten Relikten aus alten Zeiten überzeugt und zum Herumgammeln einlädt. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl und sind froh darüber, so ganz spontan hier gelandet zu sein. Nach dem unser Kopf die anstrengenden Tage verarbeitet hat und unser Körper wieder zu Kräften gekommen ist, geht es auf der Nationalstraße 87 weiter. Wir fahren an den Maulwurflandschaften rund um Coober Pedy vorbei und nehmen Kurs auf Alice Springs.

Die Straße ist wie geleckt und zu unserer Überraschung hat sie recht wenig Verkehr. So genießen wir, vom Wind getrieben, nicht nur den tollen Asphalt, sondern auch mit unter 30°C „etwas kühleres“ Radlwetter. Alles ist perfekt, bis auf die nervigen Fliegen (wir machen bereits Witze darüber), die uns dazu zwingen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf dem Rad zu sitzen. Bei den vielen Stunden auf dem Sattel radeln sich die Kilometer nur so weg und man hat genügend Zeit zum Nachdenken oder auch für Entdeckungen am Straßenrand. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist es derzeit Dinge zu sammeln, um sich daraus etwas Nützliches zu bauen. So basteln wir uns dann in den Abendstunden beispielsweise aus einem ollen 10 Liter Kanister Fahrradkörbe für den Frontrack, die dann dazu dienen, Wassersäcke oder Lebensmittel ohne Festschnallen zu transportieren. Je weiter wir nach Norden fahren, desto grüner wird es wieder. Nach und nach zeigen sich mehr Sträucher und Bäume und wir finden ohne groß zu suchen perfekte Spots für unser Nachtlager. Wenn die Sonne dann untergegangen und die lästigen Fliegen das Weite suchen, beginnen für uns die Stunden der Einkehr. Passend dazu gibt es fast jeden Abend ein kleines Knäckerchen unter perfektem Sternenhimmel, bei dem das Outbackfeeling so richtig aufkommt. Für uns sind das die schönen Momente voller Ruhe und Zufriedenheit, bei denen wir den Tag Revue passieren lassen oder einfach nur dahinträumen.

Nach rund vier Wochen quer durch den eher trockenen Süden, passieren wir rund 250 km vor Alice Springs die Grenze zwischen Nord- und Südaustralien, in der Hoffnung die summende Plage hinter uns gelassen zu haben und grünen Landschaften entgegen zu radeln.