Bei angenehmen Temperaturen radeln wir in Georgien ein. Was für ein heftiger Unterschied, gerade waren wir noch bei Minusgraden auf 2000 m unterwegs und nun ist er da, der langersehnte Frühling, zumindest vorerst. Also schmeißen wir uns die dicken Klamotten vom Hals – verstauen diese ganz tief in der Tasche – und fahren leicht bekleidet nach Batumi rein, der Hauptstadt Adschariens. Die Hafenstadt hat irgendwie Charme, einiges wurde herausgeputzt und hochglanzgewienert, anderes gebaut und nicht fertig gebracht. An den vielen Balkonen der Wohnhäuser – oder auch am Funkmasten – baumelt die Wäsche im Wind herum.

Hotelkomplexe und Casinobuden wechseln sich mit hunderten von Wechselstuben ab. Wir checken in unserer Unterkunft ein. Sie befindet sich in einem normalen Wohnhaus im 3.Stock, eine wirklich außergewöhnliche Bude. Die Rezeption gleicht einem Wohnzimmer, wo sich am Abend die Gäste wie zu Hause fühlen können. Der Herbergsvater füllt uns gleich am Abend mit eins, zwei, drei…Tschatschas (Obstler) ab – selbstgebrannt und hochprozentig versteht sich. Nach 5 Wochen Abstinenz sagen wir natürlich nicht nein, aber nur einer 🙂 haha. Am nächsten Morgen dann Brummschädel feinster Sorte. Wir nutzen die Gelegenheit und katern mit einem Spaziergang auf dem am Meer liegenden Brachtboulevard aus und gondeln mit der Seilbahn fast 3 km lang über der Stadt herum. Eine tolle Aussicht hat es hier oben und die Luft tut ihr übriges.

Am nächsten Tag tuckern wir nach Norden, genauer gesagt nach Poti. Eigentlich ein wirklich toller Tag, immer schön am Meer entlang und am frühen Nachmittag auch noch ein lauschiges Plätzchen zum Campen gefunden. Hier schlagen wir unsere Zelte auf, unmittelbar am Strand, mit dem Gefühl dort allein zu sein, doch wir liegen falsch.

Mitten in der Nacht brüllt Silvio los. Hat sich doch nicht irgend so ein Vollidiot mit dem Messer an sein Zelt gemacht und ihm eine der wichtigsten Taschen aus dem Vorzelt geklaut. Wir schnappen uns die Taschenlampen und grasen die Wege und das dahinter liegende Waldstück, vielleicht hat er es ja vor Schreck doch noch weggeschmissen – so unsere Hoffnung – Pustekuchen. Der Schock und die Wut sitzen tief, ganz tief. Wir gehen gedanklich die Tasche durch. Unser toller Kocher, Spritflaschen, Töpfe, Wasserfilter, Waschschüssel, sämtliche Vorratsdosen, Multitool, Werkzeug usw. – weg. Für das, was wir vorhaben, ein unverzichtbares Material, welches wir dringend benötigen. Ganz großes Fragezeichen. Am nächsten Tag geht das Kino richtig los. Polizeidirektion angesteuert, keiner spricht englisch – Dolmetscherin rangeholt – ein mega tralala. Mit diversen Polizeiautos hin und her fahren, Absperrband der Kripo halten, damit man Fotos vom Platz machen kann usw. Gefühlte vier Stunden lang auf dem Revier sitzen, Anzeigenprotokoll für unsere Versicherung nur auf georgisch bekommen und der ganze Firlefanz. Das Equipment haben wir nun in Deutschland neu bestellt und lassen es uns per Post zukommen. Ein Riesenschaden und Aufwand, der uns die Vorfreude auf Georgien vorerst genommen hat. Möge diesem Typen der Kocher bitte jämmerlich um die Ohren fliegen!!!

So weit so gut, wir radeln weiter nach Kutaisi, wo wir uns auf dem Basar Notfall-Werkzeug – falls Platten – organisieren. Der Markt gleicht einem großen Baumarkt. Eisenwaren aller Art, Baumaschinen & Co, Autoersatzzeugs noch und nöcher, ein Paradies für Autoschrauber. Direkt einen Gang weiter landet man im Klamotten- und Ramschbereich, ein bisschen fühlen wir uns wie Anfang der Neunziger, Klimbim vom Feinsten.
Wir nehmen uns einen Tag länger Zeit, schauen uns die Bagrati-Kathedrale und die Innenstadt an, bevor es weiter Richtung Gori geht.

Mit einem fantastischen Blick auf den kleinen Kaukasus kurbeln wir auf einer neu asphaltierten Straße – hier schon etwas Besonderes – nach Zestaponi und Chiatura. Damals wurde in dieser Region Manganerz abgebaut und sie stand weltweit an führender Stelle. Nach der Wende ging leider alles zu Bruch, vieles ist marode und die Zahl der Einwohner Chiaturas ging um 30% zurück. Die alten Seilbahnen – rund fünfzig in dieser Region – lassen Nostalgikerherzen höher schlagen. Sie wurden in den Fünfzigern zum Transport der Arbeiter gebaut und laufen im Originalzustand zum Teil noch heute. Als ehemalige Ostdeutsche fühlen wir uns zurückversetzt in alte Zeiten, mit dem Unterschied, dass die Zeit bei uns nicht stehen geblieben ist und die Wende doch sehr viel Positives gebracht hat.

Den Georgiern geht es wirtschaftlich eher schlecht, die Arbeitslosenrate ist hoch. In den Einkaufsläden auf dem Land findet man teilweise nur das Nötigste, dafür gibt es allerhand selbsterzeugte Produkte auf den Märkten. Die Einheimischen selbst lassen sich dies aber kaum anmerken. Sie sind sehr gastfreundlich und sie haben großen Stolz. Beim Essen wird ordentlich aufgetischt und es gibt immer einen Wein aus eigenem Anbau.

Nach den Sorgen am Anfang, fühlen wir uns mittlerweile recht wohl hier. Mit ordentlichem Rückenwind fahren wir in Gori ein, Stalins Geburtsort. Hier pausieren wir mit Gleichgesinnten aus Neuseeland, Südkorea und Belgien, tauschen uns aus und machen einen Abstecher nach Uplistsikhe, einer alten Höhlenstadt. Nach einigen sehr windigen und kühlen Tagen wird das Wetter nun schöner. Auf unserer Strecke hat es viele blühende Obstbäume und die Farben wechseln so langsam von grau zu grün.

Entlang der Berge und dem Kura Fluss radeln wir nach Tbilisi ein, einer tollen Stadt, wie wir finden. Die Altstadt wurde für die Touristen herausgeputzt, aber sie wurde nicht totsaniert. Es gibt auch noch die alten schmuddeligen Ecken und man entdeckt immer wieder etwas Neues. Kleine Parks, Cafés und Weinstuben laden zum Entspannen ein.

Auf den Straßen sieht man zahlreiche Obsthändler und Blumenverkäufer, aber leider auch viele ältere Leute, die um Almosen betteln. Wir machen ausgedehnte Spaziergänge durch die Gassen und zu den Aussichtspunkten oberhalb der Stadt, wo man einen grandiosen Ausblick hat. Hier verweilen wir ein paar Tage, tanken auf und lassen´s uns mit georgischen Köstlichkeiten wie Chatschapuri oder Chinkali (gefüllte warme Teigtaschen) gut gehen.

Wir steuern nun Richtung Grenze nach Lagodekhi, vorbei an vielen Weinhängen und mit tollem Blick auf die Ausläufer des großen Kaukasus.