Wir haben das Terai und Nepal hinter uns gelassen, überqueren einen letzten Fluss und fahren über Karkarbhitta hinein nach Westbengalen. Ein Wusel aus Rikshafahrern, die mit ihren Hupen und Klingeln ein „Konzert“ veranstalten, bilden das Empfangskomitee. Der Stempel ist relativ fix im Pass und schon rattern wir auf den Straßen Indiens. Es geht an schönen Teeplantagen entlang, die ersten Vorboten auf die kommenden Tage.

Unser Weg führt zuerst nach Siliguri, wo wir nicht nur etwas Kraft schöpfen, sondern auch an einem Plan für die Weiterfahrt basteln. Ursprünglich sollte es Richtung Osten gehen, bis wir die Grenze zu Myanmar erreicht haben. Doch uns wurde leider ein Strich durch die Rechnung gemacht, denn wir bekommen das wichtige Permit nicht, das wir für die Einreise von Indien aus unbedingt benötigen. Also ist Umdenken angesagt und so entscheiden wir uns erstmal nach Sikkim zufahren. Der kleinste und nördlichste Bundesstaat Indiens liegt zwischen Bhutan und Nepal, mitten im Himalaya- Gebirge und soll wohl sehr reizvoll sein. Also den Hintern auf den Sattel geschwungen und wieder hoch in die Berge. Schon ein paar Kilometer raus aus der quirlig chaotischen Stadt wird es plötzlich ganz ruhig um uns. Es hat so gut wie keinen Verkehr mehr und wir hören seit langem mal wieder die Vögel zwitschern. Kaum zu glauben und das mitten in Indien. Der Weg führt zunächst nach Darjeeling, immer der Gleise des Toy Trains entlang. Wir fahren durch schöne Wälder und obwohl es berghoch geht, hat die Straße kaum mehr als 6 % Steigung, für uns nahezu perfekt und fast schon eine Spazierfahrt.

2200 m höher haben wir Darjeeling erreicht und einen ersten Eindruck auf das, was uns in den kommenden Tagen erwarten wird. Überall satte grüne Berge und 75 km Luftlinie entfernt der dritthöchste Berg der Welt. Mit 8586m steht uns der Mt. Kanchenjunga zum Greifen nahe. Die Stadt an sich ist recht entspannt, nicht ganz so hektisch wie unten und wir finden ein paar nette Plätze zum Abschalten und Kräfte tanken, denn in den nächsten Tagen steht uns einiges bevor. Von hier nach Sikkim haben wir eine tolle Abfahrt mit Panoramablick auf die umliegende Berglandschaft. Wir fahren an Teeplantagen, Moosbäumen, mit Riesenfarn bewachsenen Felsen und Pflanzen vorbei, die wir noch nie gesehen haben. Kurz vorm Tagesziel dann noch eine kleine Überraschung, wir treffen Till und Janine, ein Leipziger Pärchen mit bepackten Drahteseln, welches leider in die andere Richtung fährt. Nach einem kleinen Plausch tauschen wir die Kontakte aus, um uns im nächsten Jahr in der Heimat zutreffen. In Melli sind wir wieder fast ganz unten angelangt und haben das Eingangstor nach Sikkim erreicht. Von hier aus wollen wir den Süden und Westen unsicher machen.

Gleich zu Beginn geht es nicht nur steil hoch, sondern wir erwischen auch noch eine grottige Baustellenstraße. Die Strecke hat es in sich, da wir oft auf Schottersteinen und durch Schlammpfützen fahren. Die Anstiege werden zunehmend knackiger und fordern uns ganz schön heraus. Vorbeifahrende Fahrzeuge ziehen zusätzlich deftige Staubwolken mit sich und wir mitten drin. Irgendwie haben wir das Gefühl, wieder im Pamir Gebirge zu sein, nur dass die Landschaft nicht so schroff und karg ist. Gerade Straßen gibt es hier nicht, sondern entweder gehen sie hoch oder runter. Es geht durch enge Täler und – um oder über – ein, zwei Berge, wofür wir oft den ganzen Tag brauchen. Doch die Anstrengungen lohnen sich, die Aussichten sind grandios und es ist auch nicht mehr ganz so heiß wie unten im Flachland. So radeln wir bei angenehmen Frühlingstemperaturen zwischen 30-60 km am Tag.

Wir gönnen uns aber auch Ruhetage zum Verschnaufen und lassen die Räder einfach mal stehen. So auch in Yuksom, das letzte kleine Dorf weit oben vor dem Mt. Kanchenjunga Bergmassiv. Hier oben scheint die Welt noch eine andere zu sein. Der Ort und seine Menschen strahlen eine unglaubliche Ruhe, Zufrieden- und Gelassenheit auf uns aus. Ein Wohlfühlort der zum Bleiben einlädt. Statt in die Pedale zu treten gehen wir wandern, denn auch zu Fuß gibt es eine Menge zu entdecken. Zum Beispiel einige der zahlreichen Gompas (Bhuddistisches Kloster), die meistens oben auf den Berggipfeln stehen. So kraxeln wir die Berge hoch und runter, es geht durch dicht bewachsene Wälder, vorbei an Kardamon- Plantagen, Bächen oder kleinen Wasserfällen. Unser Wanderweg führt uns immer wieder durch kleine Dörfer und die fruchtbaren Gärten der Einheimischen. Für uns sind es kleine geschaffene Paradiese, die – wie auch in Nepal – oft terrassenförmig angelegt sind. Ihre Häuser stehen zum Teil an steilen Hängen und wir sind immer erstaunt darüber, wozu die Menschen in der Lage sind zu bauen, eine Meisterleistung.

Nachdem unser Akku wieder aufgetankt ist, kurbeln wir noch einige Tage durch die schöne Berglandschaft Sikkims und machen dann weiter nach Assam. Es geht durch Nationalparks, an Feldern und großen Teeplantagen entlang. Unser Weg führt uns durch viele kleine Ortschaften und wir haben immer einen Blick auf die Bauern. Den ganzen Tag stehen Sie in den Plantagen oder auf ihren Äckern und haben alle Hände voll zu tun. Egal wo wir langfahren oder aufkreuzen, man schaut uns immer hinterher, denn wir sind der Publikumsmagnet schlecht hin. Oft ist es schwierig Orte zu finden, an denen wir mal allein sein und zur Ruhe kommen können. In dieser Region gibt es so gut wie keine ausländischen Touristen und dementsprechend neugierig sind die Menschen auf uns. Selfies und Fragen stehen sozusagen an der Tagesordnung. So machen wir unsere Pausen in der Regel dort, wo keiner ist – gar nicht so einfach – und versuchen das Ganze irgendwie zu umgehen. Unsere Tage gestalten sich recht unterschiedlich, je nach dem wo wir gerade sind oder rumgurken. Mal ist es richtig schön und das Indien zeigt sich von seiner besten Seite, mal ist es nervig, stressig und laut.

Am Manas Nationalpark haben wir richtig Glück gehabt und einen tollen Ort gefunden. Auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz erscheint wie aus heiterem Himmel Ranjit. Er radelt neben uns her, stellt uns die obligatorischen Fragen und lädt uns auf seinen Bauernhof ein. Hier lernen wir die indische Gastfreundschaft und das Landleben so richtig kennen. Die Zelte finden Platz auf dem Hof und wir sind mitten drin im Geschehen. Das Wasser kommt – wie bei so vielen – noch aus der Pumpe. Über offenem Feuer wird das Dhal Bhat für uns gekocht, nebenan steht das Vieh und die Hühner eiern gackernd über den Hof. Ranjit zeigt uns nicht nur die Umgebung, sondern auch den wöchentlichen Sonntagsmarkt, an dem die Bauern aus der Region alles Mögliche an den Mann bringen wollen. Der Schlachter sitzt dabei auf dem Boden, die Eisenschmiede arbeiten wie vor hundert Jahren und überhaupt, ein grandioser Markt, wie wir ihn nur selten zu Gesicht bekommen haben. Nachmittags sitzen wir an einem der vielen Flüsse, die aus dem Himalaya entspringen, zeigen Ranjit das Steineflitschen und schauen dabei auf die Berge Bhutans. Unseren Abschied zieht er noch etwas in die Länge und begleitet uns mit seinem rostigen Fahrrad ganze 32 km durch das Umland seines Dorfes. Für ihn wahrscheinlich die längste geradelte Strecke seines Lebens.

Mit einem Schlenker Richtung Süd rollen wir noch zwei Tage durch das flache und kontrastreiche Assam, bevor wir wieder hoch hinaus radeln. Wir haben uns für den bergigen Bundesstaat Meghalaya entschieden, die Heimat des Kashi und Garo Volkes. Wie auch in Sikkim, sind die Menschen hier von einem anderen Schlag und mit dem eher hektischen Inder kaum zu vergleichen. Betelnuss kauend und mit großen glasigen Augen schauen sie uns oft hinterher, meist aber kommentarlos und häufig auf Distanz. Nach den letzten zwei Wochen mit – gefühlten einer Million – Fragen, genießen wir diese ungewöhnliche Ruhe sehr. Von Shillong aus fahren wir zum David Scott Trail, einem alten 16 km langen Wanderweg inmitten der Kashi Berge. Auf brokkoliähnlich aussehende Wälder schauend, rattern wir über eine doch eher holprige Piste in ein Tal hinunter. Wir über- und durchqueren dabei ein, zwei Flüsse und schieben anschließend unsere schwerbeladenen Stahlrösser auf feucht-glitschigen Felssteinen drei Kilometer den Berg hinauf. Wir sind fix und foxy, als wir viele Stunden später in der Dunkelheit Cherrapunjee erreichen und einen harten Tag für uns Revue passieren lassen.

Was folgt ist ein derber Muskelkater am nächsten Morgen. Um diesen noch etwas auf die Sprünge zu helfen, machen wir einen kleinen Wanderausflug zu den lebenden Baumwurzelbrücken. Sie liegen weit unten in den Tälern und so laufen wir querfeldein durch kleine Dörfer inmitten einer prächtigen Berg- und Pflanzenwelt. Von Schmetterlingen und vielen Bienen begleitet, geht es langsamen Schrittes dreitausend Treppenstufen hinunter. Alte Hängebrücken führen uns über kristallklare und türkisfarbene Flüsse, bis wir zwei Stunden später die Brücken erreicht haben. Ein Gewirr aus den Wurzeln des Gummibaumes, Lianen und Ranken bilden über viele Jahre diese einzigartigen Brücken. Sie werden von den Kashis künstlich angelegt und können weit über hundert Jahre alt werden. Ein tolles Fleckchen zum Abhängen und durchschnaufen, denn anschließend geht es die dreitausend Treppenstufen wieder hoch.

Unsere Runde führt uns weiter Richtung Bangladesch, wo wir einer Straße entlang der Grenze folgen wollen. Die ersten Tage macht dies auch noch Laune, denn wir haben eine schöne Abfahrt quer durch die Berge, es fahren kaum noch Autos und es wird zunehmend einsamer um uns. Die Entfernungen zu den Ortschaften werden nach und nach größer und es gibt immer weniger Einkaufsmöglichkeiten. Dennoch haben wir für den Notfall immer etwas auf Tasche. So langsam zerlegt sich auch der Asphalt und die Löcher werden immer größer. Später fahren wir nur noch auf einer Schotter- und Geröllpiste. Der ganze Spaß wird zu einem heftigen Kraftakt, der uns kaum noch vorankommen lässt. Nicht nur die Räder, sondern auch das Material werden auf die Zerreißprobe gestellt. Silvios Ortlieb-Taschen sind bereits komplett durch und wurden notdürftig fixiert…was wäre die Welt bloß ohne Kabelbinder? So krauchen wir im Schneckentempo vor uns hin, machen nur noch wenige Kilometer und müssen immer wieder schieben. Vor allem bergauf eine absolute Plackerei, die für eine Menge Schweißperlen und Frust sorgt. Völlig kraftlos und im Eimer erreichen wir zwei Tage später eine Ortschaft und können endlich auf ein Fahrzeug umsatteln. Nur gut, denn die Straße wird nicht besser und für die 175 km braucht selbst der Bus einen ganzen Tag, was uns womöglich eine ganze Woche gekostet hätte.

In Phulbari haben wir den Brahmaputra erreicht und sorgen für eine Menge Aufregung. Beim Raufhieven der Räder auf einen alten Holzkutter springt Silvios Radcomputer plötzlich aus der Halterung und fällt in den Fluss. Viele Hände, einschließlich unserer, wühlen sich durch den Schlamm. Doch ohne Erfolg und das gute Stück verschwindet für immer in den Tiefen des Brahmapudra. Das alte Boot tuckert uns zwei Stunden über den Fluss, bevor wir wieder an Land sind und zurück zu unserem Ausgangsort nach Siliguri fahren. Hier nimmt unser Trip durch die vier Bundesstaaten Nordostindiens so langsam sein Ende. Mit gemischten Gefühlen sind wir vor fünf Wochen über die Grenze gefahren und haben das Land mit allen Sinnen erlebt. Indien ist voller Gegensätze, vielfältig und kontrastreich und es ist sicherlich für Jeden etwas dabei. Wir hatten tolle, aber auch nervige Tage und sind dennoch froh, dieses verrückte Land nun endlich den Rücken zu kehren. Unsere Weiterreise nach Myanmar mussten wir leider canceln und haben bereits vor einigen Wochen ein Ticket klargemacht, um nun das Land per Flieger zu verlassen. Also steigen wir nochmals in den Bus und fahren satte zwölf Stunden zum Airport nach Kalkutta, denn diesen Streckenabschnitt wollten wir uns ersparen.

Und so verbringen wir die zweite Hälfte der Adventszeit nicht in Indien, sondern in … das verraten wir Euch nicht. Eines ist sicher, auf Glühwein und Gänsebraten müssen wir auch dort leider verzichten. Und so bleibt uns nur hin und wieder der Gedanke, den Verzehr auf nächstes Jahr zu verschieben. In diesem Sinne wünschen wir unseren Familien, Freunden, Bekannten und unseren Leseratten eine besinnliche Weihnachtszeit mit allem was dazu gehört. Habt Euch lieb, trinkt einen für uns mit und kommt gesund ins neue Jahr!